Sonntagabend, San Jose. Nach dem letzten Rep des letzten Events hält Aline Wirz in eine Handykamera und sagt: «C'est fini. J'ai jamais kiffé une compétition autant que ces CrossFit Games.» Es ist vorbei. Und ich habe noch nie eine Competition so sehr genossen wie diese.
Dann, einen Satz später: «J'pourrais repartir.» Ich könnte gleich nochmal.
Wer die letzten Monate mitgelesen hat, weiss, wie unwahrscheinlich dieser Satz ist. Im Mai ging es nicht um Platzierungen, sondern um die Frage, ob sie sich je wieder normal bewegen kann. Im Juli kam der Games-Spot als Nachrückerin. Und jetzt, nach fünf Tagen und 20 Events auf dem grössten Competition Floor der Welt, könnte sie gleich nochmal.
Fünf Tage, 20 Events
Die CrossFit Games 2026 waren die 20. Ausgabe — und sie haben sich Mühe gegeben, das zu zeigen. 20 Events für 30 Athletinnen: ein Trailrun über 7'200 Meter, ein Radrennen auf der Wiese, 500 Meter Schwimmen mit 100 Burpees dazwischen, ein Sprint über 500 Meter auf offener Strasse. Dazu Maximalkraft, Yoke, Ringe, Ergometer, Seilklettern mit Weste, Handstandlauf — und ein 160 Kilo schweres «Pig», das umgekippt werden will.
Aline hat alle 20 beendet. Zwei Athletinnen im Feld haben das nicht geschafft.
Tag 1: Platz 7 der Welt
Der Mittwoch beginnt um neun Uhr morgens mit dem 2007 Hopper: 1'000 Meter Rudern, dann fünf Runden Pull-ups und Push Jerks. Aline kommt nach 8:16 ins Ziel. Platz 3. Im allerersten Event ihrer allerersten Games, unter den 30 fittesten Frauen der Welt.
Ihre eigene Reaktion darauf, am Abend auf Instagram: «Safe to say I was probably just as surprised as the commentators.»
Zwei Stunden später der Ranch 7200, 7'200 Meter Trail. «Hands down the toughest run I've ever had to do… but wow, what an event. So much fun.» 43:20, Platz 6.
Um 14 Uhr kommt der CrossFit Total. Dazu gleich mehr.
Um 15:05 das Grass Track Race, ein Radrennen über 20 Runden. «Absolutely incredible. I definitely missed my purple bike, but I loved racing.» 19:17, Platz 4.
Und um 17:35, zum Abschluss eines Tages mit fünf Wettkämpfen, das Schwimmen: 200 Meter, 40 Burpees, 150 Meter, 30 Burpees, und so weiter — 100 Burpees zwischen 500 Metern Wasser. 13:44, Platz 14.
Nach diesem Tag steht Aline Wirz auf Platz 7 des Feldes. Drei Top-10-Resultate. Die CrossFit Games schreiben dazu einen Satz, der es gut trifft: «From late backfill to Day 1 standout.»
Der Total
Zwischen dem Trailrun und dem Radrennen liegen drei Events, die zusammen weniger Punkte gebracht haben als ein einziges gutes: der CrossFit Total — je ein Maximalversuch Kniebeuge, Schulterdrücken und Kreuzheben.
Aline hebt rund 122, 52 und 141 Kilo. Platz 27, 29 und 28. Aus 300 möglichen Punkten werden sechs.
Das ist keine Überraschung, und es ist auch keine Schande. Kraft war für Aline immer die relative Schwäche — sie hat es zu Beginn der Saison selbst in unsere Kamera gesagt. Und dann kam ein Jahr, in dem eine C6-Fraktur ihr genau das weggenommen hat, was man dafür bräuchte: monatelang kaum Oberkörperarbeit, kein Kraftblock, ein komplett umgestellter Trainingsplan. Dass sie in San Jose überhaupt unter einer schweren Hantel stand, ist die eigentliche Nachricht.
Sie selbst hat es am Abend so beschrieben:
«Definitely not the numbers I was hoping for, but there wasn't even time to dwell on it with the next event starting right away. Sometimes having such a packed schedule is actually a blessing.»
Die zweite Hälfte
Am Freitag geht es weiter mit Dingen, die man in keiner Box der Welt trainieren kann. Ein 180 Kilo schwerer «Snail», den man mit Gewichtsweste über den Boden schiebt. Seilklettern ohne Beine. Platz 13. Ein Wurf-Event über Distanz. Handstandlauf durch einen Parcours, Platz 14.
Am Samstag dann der 500-Meter-Sprint, mitten durch San Jose, Zuschauer auf beiden Seiten. 1:22.05 — Platz 3. Ihr drittes Top-3-Resultat des Wochenendes. Und wieder eines, bei dem gelaufen wird.
Kurz darauf Triple Pig: Bar Muscle-ups, GHD Wall Balls, Triple Unders — und ein 160-Kilo-Pig, das umgekippt werden will. Alines Kommentar dazu: «Learning to do pig flips on the CrossFit Games floor is pretty awesome.»
Zwei Events später steht sie an der Langhantel mit Thrustern. Platz 27. Sie schreibt: «Still not sure if thrusters hate me as much as I hate them.» Wer die Open 2026 verfolgt hat, muss an dieser Stelle lachen — dort waren es dieselben Thruster, die sie im Workout 26.3 auf Platz 93 geschoben haben. Manche Dinge ändern sich nicht.
Der Schluss
Der Sonntag beginnt mit 3'600 Metern Rudern und 3'600 Metern Ski. Danach fünf Minuten Rollen in den Stütz, Platz 12. Und zum Abschluss das Fibonacci Final: Handstand-Push-ups aus dem Defizit, Kettlebell-Kreuzheben, 27 Meter Ausfallschritte mit zwei Kettlebells über dem Kopf.
6:05. Und dann ist es vorbei.
Platz 18 von 30. 647 Punkte. Punktgleich mit Bergrós Björnsdóttir aus Island, im Tiebreak vorn. Beste Schweizerin im Feld — Mirjam von Rohr beendet die Games auf Platz 26. Fittest Woman on Earth wird Aimee Cringle aus Grossbritannien.
Was das Leaderboard nicht zeigt
Wer nur auf Platz 18 schaut, liest die Geschichte falsch herum.
Vier Top-10-Resultate hat Aline geholt — und alle vier dort, wo gelaufen, geradelt, geatmet wird: Hopper (3.), 500 Meter (3.), Radrennen (4.), Trailrun (6.). Ihre Engine gehört in dieses Feld, ohne Diskussion.
Und drei Events haben sie den Rest gekostet: der Total. Sechs von 300 Punkten, aus einem Jahr ohne Krafttraining, mit einem Bruch im Nacken.
Sie ist auch nicht eingebrochen. Sie wurde eingeholt — von 29 Athletinnen, die eine ganze Saison lang auf genau dieses Wochenende hin trainiert haben. Aline hatte eine Woche. Sie kam als Nachrückerin. Und bei der Anreise kämpfte sie noch mit einem Virus, der nicht weichen wollte: «Right now, I'm still battling a virus that just doesn't want to let me go.»
Was in keiner Tabelle steht: Sie hat das ganze Wochenende ausgesehen wie jemand, der genau dort sein wollte. Zwischen den Events lachend, vor den Events neugierig, nach den Events dankbar. Kein Zwang, kein Abarbeiten. Bei einem Wettkampf, der über fünf Tage geht und 20-mal alles nimmt, ist das die seltenste Eigenschaft von allen.
Alles ist möglich
Im März sagte Aline in unsere Kamera: «Dieses Jahr sehe ich keine Barriere mehr, bei der ich denke, es ist unmöglich. Alles ist möglich.» Im Mai bekam der Satz eine andere Bedeutung — C6-Fraktur, Bandscheibenvorfall, die Frage nach dem normalen Leben. Im Juli löste er sich ein, über einen Spot, der aus Platz 4 in Madrid kam, erkämpft mit dem Bruch im Nacken, neun Punkte von der direkten Qualifikation entfernt.
Und am Ende dieser Geschichte steht kein Podest. Sondern ein Satz, den sie nach dem Schwimm-Event geschrieben hat, das nicht ihres war:
«I'm good — and happy — being a small fish in a big ocean.»
Wir begleiten Aline seit mehreren Jahren. Wir haben ihre Open-Saison dokumentiert, ihre Verletzung, ihr Comeback, ihr Ticket. Dass wir jetzt auch noch über ihre CrossFit Games schreiben dürfen, war im Mai nicht vorstellbar.
Danke, Aline. Für alles daran.
Alines Games 2026 — Event für Event
| # | Event | Platz |
|---|---|---|
| 1 | 2007 Hopper | 3. |
| 2 | Ranch 7200 m (Trail) | 6. |
| 3–5 | CrossFit Total | 27. / 29. / 28. |
| 6 | Grass Track Race | 4. |
| 7 | Swim Standard | 14. |
| 8 | Climbing Snail | 13. |
| 9 | 3D Throw | 20. |
| 10 | Run + Hang Squat Clean | 27. |
| 11 | Handstand Sprint | 14. |
| 12 | The Hopper 2026 | 24. |
| 13 | 500 m Run | 3. |
| 14 | Triple Pig | 16. |
| 15 | Speed Snatch | 27. |
| 16 | Echo Bike / Thruster | 27. |
| 17 | Box Jump / Sled / Yoke | 23. |
| 18 | Machine 7200 m | 26. |
| 19 | Roll to Support | 12. |
| 20 | Fibonacci Final | 21. |
Gesamt: Platz 18 von 30 · 647 Punkte · beste Schweizerin im Feld.
- CrossFit Open: 11. weltweit
- Wodapalooza Miami: Platz 10
- Diagnose: C6-Fraktur + Bandscheibenvorfall HWS → Absage French Showdown & Renegade Games
- MAD Fitness Festival: Platz 4 (85 kg Snatch, persönlicher Rekord)
- Online Semi-Finals: Platz 12 weltweit
- Affiliate Battle: Platz 2 (2 Event-Siege)
- CrossFit Games San Jose: Platz 18